{"id":1312,"date":"2026-05-12T11:17:47","date_gmt":"2026-05-12T11:17:47","guid":{"rendered":"https:\/\/www.valeskahenze.de\/?p=1312"},"modified":"2026-05-12T11:19:18","modified_gmt":"2026-05-12T11:19:18","slug":"ki-als-feministische-praxis-gedanken-zu-eva-genglers-buch-feministische-ki","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.valeskahenze.de\/?p=1312","title":{"rendered":"KI als Feministische Praxis \u2013 Gedanken zu Eva Genglers Buch \u201eFeministische KI\u201c"},"content":{"rendered":"\n<p><em>Habe n<\/em><em>un ach so viel studiert \u2026 und sehe, dass wir nichts wissen k\u00f6nnen.&nbsp;<\/em>So in etwa beklagt Goethes Faust sein fehlendes Wissen \u00fcber die Dinge, die die Welt zusammenhalten. So oder so \u00e4hnlich mag sich heute manch eine*r auch angesichts der gef\u00fchlt rasanten \u00dcbernahme \u201edieser Dinge\u201c durch K\u00fcnstliche Intelligenz f\u00fchlen. Ob Faust sich heute anstatt Mephisto der K\u00fcnstlichen Intelligenz verschreiben w\u00fcrde? Dumm nur, dass auch die KI nichts wei\u00df.<\/p>\n\n\n\n<p>Dabei spielt sie in unser aller Alltag schon l\u00e4ngst eine viel gr\u00f6\u00dfere Rolle, als vielen klar ist. Zwar versteht die KI keine Zusammenh\u00e4nge oder hat gar ein Bewusstsein. Doch sitzt sie l\u00e4ngst mit am Tisch, wenn zum Beispiel dar\u00fcber entschieden wird, wer einen Kredit bekommt oder wer zum Vorstellungsgespr\u00e4ch eingeladen wird. Eva Gengler zeigt in ihrem Buch \u201eFeministische KI\u201c nicht nur, warum es ein Problem ist, wenn Systeme genau die Ungerechtigkeiten verst\u00e4rken, die sie angeblich neutral verarbeiten. Ihr Buch formuliert auch eine klare Aufforderung: Wer KI nicht feministisch gestaltet und nutzt, \u00fcberl\u00e4sst das Feld denen, die es l\u00e4ngst tun. Sie will mit ihrem Buch nichts geringeres, als \u201eeine feministische Revolution ansto\u00dfen, um mit feministischer KI die Welt f\u00fcr alle gerechter zu machen\u201c.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\"><strong>KI verst\u00e4rkt gesellschaftliche Machtstrukturen<\/strong><\/h3>\n\n\n\n<p>K\u00fcnstliche Intelligenz bildet bestehende gesellschaftliche Ungleichheiten nicht einfach ab \u2013 sie verst\u00e4rkt sie. Das liegt an drei Faktoren, die Gengler systematisch aufarbeitet: den Menschen, die KI entwickeln; den Daten, mit denen sie trainiert wird; und den Designentscheidungen, die den Systemen zugrunde liegen.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Entwicklung von KI war von Anfang an ein exklusives Projekt. An der legend\u00e4ren Dartmouth Conference 1956, bei der der Begriff \u201eArtificial Intelligence\u201c gepr\u00e4gt wurde, nahm keine einzige Frau teil. Bis heute liegt der Frauenanteil in KI-nahen Berufen bei 22 Prozent, und mehr als die H\u00e4lfte der Frauen verl\u00e4sst die Technologiebranche innerhalb von zehn bis zwanzig Jahren. Diese Homogenit\u00e4t hat Konsequenzen. Wir kennen das aus jahrzehntelangen feministischen Auseinandersetzungen: Menschen neigen dazu, sich mit Gleichgesinnten zu umgeben und Informationen so zu interpretieren, dass sie eigene Annahmen best\u00e4tigen. Dies gilt nicht nur f\u00fcr heteronormatives Denken, sondern in gleichem Ma\u00dfe f\u00fcr andere Diskriminierungsformen, wie z. B. postkoloniale Strukturen.<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\">\n<p class=\"has-text-align-right\">\u201eKI ist ein Brennglas der Macht.\u201c<\/p>\n<\/blockquote>\n\n\n\n<p>Gengler&nbsp;verdeutlicht anhand zahlreicher Beispiele und Studien, dass Technologie niemals neutral ist, vor allem wenn sie auf Daten basiert, die von Menschen ausgew\u00e4hlt, gewichtet und gelabelt wurden. Daten sind nichts weiter als von Menschen in einem Kontext erfasste Informationen. Sie spiegeln wider, was ihre Urheber als relevant erachteten \u2013 und was nicht. Damit stellen sie immer nur einen kleinen Ausschnitt einer Realit\u00e4t aus einer gewissen Perspektive dar, werden aber in der Verarbeitung dekontextualisiert und entpersonalisiert und so zu \u201eneutraler\u201c Infrastruktur, wodurch der Anschein entsteht, die auf ihnen beruhenden Aussagen seien objektiv. Wir kennen alle KI-generierte Bilder, die bestimmte Berufsgruppen sehr einseitig als m\u00e4nnlich und wei\u00df gepr\u00e4gt darstellen:&nbsp;<em>\u201eWas wir als Input in die KI-Systeme eingeben, kommt auf eine verarbeitete Weise \u00e4hnlich wieder als Output heraus. Unter dem in der Informatik bekannten Motto \u201aGarbage in, Garbage out\u2018 ist das ein sich selbst verst\u00e4rkender Kreislauf, da KI neue Daten generiert, die dann wieder in den Kreislauf einflie\u00dfen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Wie l\u00e4sst sich daraus der transformative Anspruch ableiten, dass feministische KI die Welt gerechter machen kann? Gengler st\u00fctzt sich in ihrem Ansatz auf den Zweck der KI \u2013 also auf die Frage, wof\u00fcr KI entwickelt und wof\u00fcr sie eingesetzt wird. Solange Entwicklung und Einsatz nicht den expliziten Zweck haben, bestehende Strukturen gerechter zu machen, wird KI nichts daf\u00fcr tun. Technische Anpassungen allein reichen nicht. Was es braucht, ist eine grundlegende Ver\u00e4nderung der Denkweise und diese muss nach Gengler intersektional-feministisch geleitet sein. Weil KI bestehende Diskriminierungsformen nicht einfach nur vom Analogen ins Digitale \u00fcbersetzt, sondern diese auch noch verst\u00e4rkt, kann nur eine feministische KI dagegenhalten.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\"><strong>Vom Zweck zur feministischen KI&nbsp;<\/strong><\/h3>\n\n\n\n<p>Gengler entwickelt einen sehr ambitionierten Ansatz, der von Strukturen \u00fcber Kontexte und Ressourcen bis zu den Menschen reicht. Feministische KI ist kein einfaches und schnell umsetzbares Projekt, sondern ein kollaborativer Prozess, der Gesellschaft, Politik und Wirtschaft einbezieht und sowohl formelle Ma\u00dfnahmen (Regulierung, Gesetze) als auch informelle Dynamiken (Weiterbildung, kultureller Wandel) umfasst \u2013 mit dem Ziel, feministische Prinzipien, wie Gerechtigkeit, Inklusion, Transparenz, Verantwortlichkeit und Partizipation, in der Entwicklung, im Design und bei der Nutzung von KI zu verankern.<\/p>\n\n\n<div class=\"wp-block-image\">\n<figure class=\"alignleft size-large is-resized\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"819\" data-attachment-id=\"1313\" data-permalink=\"https:\/\/www.valeskahenze.de\/?attachment_id=1313\" data-orig-file=\"https:\/\/www.valeskahenze.de\/wp-content\/uploads\/2026\/05\/Abstract-Neural-Patterns.png\" data-orig-size=\"1200,960\" data-comments-opened=\"0\" data-image-meta=\"{&quot;aperture&quot;:&quot;0&quot;,&quot;credit&quot;:&quot;&quot;,&quot;camera&quot;:&quot;&quot;,&quot;caption&quot;:&quot;&quot;,&quot;created_timestamp&quot;:&quot;0&quot;,&quot;copyright&quot;:&quot;&quot;,&quot;focal_length&quot;:&quot;0&quot;,&quot;iso&quot;:&quot;0&quot;,&quot;shutter_speed&quot;:&quot;0&quot;,&quot;title&quot;:&quot;&quot;,&quot;orientation&quot;:&quot;0&quot;}\" data-image-title=\"Abstract Neural Patterns\" data-image-description=\"\" data-image-caption=\"\" data-medium-file=\"https:\/\/www.valeskahenze.de\/wp-content\/uploads\/2026\/05\/Abstract-Neural-Patterns-300x240.png\" data-large-file=\"https:\/\/www.valeskahenze.de\/wp-content\/uploads\/2026\/05\/Abstract-Neural-Patterns-1024x819.png\" src=\"https:\/\/www.valeskahenze.de\/wp-content\/uploads\/2026\/05\/Abstract-Neural-Patterns-1024x819.png\" alt=\"\" class=\"wp-image-1313\" style=\"aspect-ratio:1.2503171461917086;width:429px;height:auto\" srcset=\"https:\/\/www.valeskahenze.de\/wp-content\/uploads\/2026\/05\/Abstract-Neural-Patterns-1024x819.png 1024w, https:\/\/www.valeskahenze.de\/wp-content\/uploads\/2026\/05\/Abstract-Neural-Patterns-300x240.png 300w, https:\/\/www.valeskahenze.de\/wp-content\/uploads\/2026\/05\/Abstract-Neural-Patterns-768x614.png 768w, https:\/\/www.valeskahenze.de\/wp-content\/uploads\/2026\/05\/Abstract-Neural-Patterns.png 1200w\" sizes=\"auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><figcaption class=\"wp-element-caption\">@Donna Mara via lummi.ai<\/figcaption><\/figure>\n<\/div>\n\n\n<p>So&nbsp;sollten beispielsweise Datens\u00e4tze, die feministischen Prinzipien nicht entsprechen, angepasst oder von vornherein anders kuratiert werden \u2013 unter Einbeziehung marginalisierter Gruppen und mit transparenter Dokumentation. Es ist wichtig zu fragen: Wer ist in einem Datensatz repr\u00e4sentiert, wer nicht? Unter welchen Umst\u00e4nden wurden die Daten erhoben? Gengler erw\u00e4hnt&nbsp;<a href=\"https:\/\/carolinesinders.com\/feminist-data-set\/\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Caroline Sinders\u2018 Feminist Data Set<\/a>, das zeigt, wie feministische Prinzipien in die Datenerhebung integriert werden k\u00f6nnen. Aber auch die Arbeit der Datenvorbereitung m\u00fcsse als wertvoll anerkannt und entsprechend bezahlt werden, um nicht neokolonialistische Strukturen zu reproduzieren.<\/p>\n\n\n\n<p>Genauso sollten Entscheidungen \u00fcber Zug\u00e4nglichkeit, Sprache, Datenschutz und Oberfl\u00e4che nie rein technisch motiviert sein, sondern immer soziale und politische Dimensionen haben. Gengler pl\u00e4diert f\u00fcr Co-Kreation und geteilte Verantwortlichkeiten im Designprozess, damit \u201eCommunities nicht nur etwas beitragen, sondern daran auch Anteil nehmen und finanzielle Anerkennung erhalten.\u201c So gibt es in Neuseeland ein Projekt, in dem Maori aktiv ihr Jahrhunderte altes Wissen einem Machine-Learning-System zur Verf\u00fcgung stellen, um ihre Sprache zu bewahren.<\/p>\n\n\n\n<p>Genglers Positionierung ist dabei unmissverst\u00e4ndlich. Sie ordnet sich einem kritischen und intersektionalen Feminismus zu und legt ihre eigene Herkunft und Perspektive offen. Das ist konsequent: Wenn Daten nie neutral sind, kann es die Autorin auch nicht sein. Diese Transparenz ist eine St\u00e4rke, weil sie das Gesagte einordbar macht.<\/p>\n\n\n\n<p>Ihr Ansatz ist, in Systemen und Prozessen einen \u201efeministischen Reflex\u201c zu integrieren. Darunter versteht sie den Impuls, Entscheidungen konsequent aus feministischer Perspektive zu treffen. Ein solcher Reflex k\u00f6nnte z. B. zu intersektionalen Bias-Checks in der&nbsp;<a href=\"https:\/\/www.ibm.com\/de-de\/think\/topics\/data-governance\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Data Governance<\/a>&nbsp;f\u00fchren. Beispiele f\u00fcr einen feministischen Reflex, die Gengler in ihrem Buch anf\u00fchrt, sind Chatbots, die Menschen mit Gewalterfahrung unterst\u00fctzen (<a href=\"https:\/\/myprotectify.org\/\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Maya<\/a>) oder diskriminierende Sprache sichtbar machen (<a href=\"https:\/\/www.aktion-mensch.de\/inklusion\/barrierefreiheit\/kuenstliche-intelligenz-und-inklusion\/faire-ki-chatbots\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">ABLE<\/a>).<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\">\n<p class=\"has-text-align-right\">\u201eKeine andere Frage und kein anderes Ziel ist daher so zentral.\u201c<\/p>\n<\/blockquote>\n\n\n\n<p>Aber auch jede*r Einzelne kann dazu beitragen, indem wir KI feministisch nutzen: Wir k\u00f6nnen KI f\u00fcr feministische Zwecke und Ziele einsetzen. Wir k\u00f6nnen feministische Anwendungen teilen, um voneinander zu lernen und Sichtbarkeit f\u00fcr feministische Zwecke zu erh\u00f6hen. Wir sollten sexistische, diskriminierende und sch\u00e4dliche Inhalte, wie Deep Fakes, melden und \u00c4nderungen einfordern. Gengler formuliert keine abstrakten Forderungen, sondern konkrete Handlungen, die jede Person im Alltag umsetzen kann. Entscheidend ist aber, dass wir \u2013 als Feminist*innen \u2013 KI auch nutzen.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\"><strong>Und zur feministischen Praxis?<\/strong><\/h3>\n\n\n\n<p>\u201eFeministische KI\u201c ist ein Buch, das eine klare Haltung einnimmt und sie begr\u00fcndet. Es richtet sich an alle, die verstehen wollen, wie K\u00fcnstliche Intelligenz funktioniert, warum sie Ungleichheiten verst\u00e4rkt und was dagegen getan werden kann. Gengler schreibt f\u00fcr Menschen, die bereit sind, sich einzumischen \u2013 nicht f\u00fcr solche, die neutrale Technikberichterstattung erwarten.<\/p>\n\n\n<div class=\"wp-block-image\">\n<figure class=\"alignright size-large is-resized\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"819\" data-attachment-id=\"1315\" data-permalink=\"https:\/\/www.valeskahenze.de\/?attachment_id=1315\" data-orig-file=\"https:\/\/www.valeskahenze.de\/wp-content\/uploads\/2026\/05\/Abstract-Laptop-User.png\" data-orig-size=\"1200,960\" data-comments-opened=\"0\" data-image-meta=\"{&quot;aperture&quot;:&quot;0&quot;,&quot;credit&quot;:&quot;&quot;,&quot;camera&quot;:&quot;&quot;,&quot;caption&quot;:&quot;&quot;,&quot;created_timestamp&quot;:&quot;0&quot;,&quot;copyright&quot;:&quot;&quot;,&quot;focal_length&quot;:&quot;0&quot;,&quot;iso&quot;:&quot;0&quot;,&quot;shutter_speed&quot;:&quot;0&quot;,&quot;title&quot;:&quot;&quot;,&quot;orientation&quot;:&quot;0&quot;}\" data-image-title=\"Abstract Laptop User\" data-image-description=\"\" data-image-caption=\"\" data-medium-file=\"https:\/\/www.valeskahenze.de\/wp-content\/uploads\/2026\/05\/Abstract-Laptop-User-300x240.png\" data-large-file=\"https:\/\/www.valeskahenze.de\/wp-content\/uploads\/2026\/05\/Abstract-Laptop-User-1024x819.png\" src=\"https:\/\/www.valeskahenze.de\/wp-content\/uploads\/2026\/05\/Abstract-Laptop-User-1024x819.png\" alt=\"\" class=\"wp-image-1315\" style=\"aspect-ratio:1.2503171461917086;width:408px;height:auto\" srcset=\"https:\/\/www.valeskahenze.de\/wp-content\/uploads\/2026\/05\/Abstract-Laptop-User-1024x819.png 1024w, https:\/\/www.valeskahenze.de\/wp-content\/uploads\/2026\/05\/Abstract-Laptop-User-300x240.png 300w, https:\/\/www.valeskahenze.de\/wp-content\/uploads\/2026\/05\/Abstract-Laptop-User-768x614.png 768w, https:\/\/www.valeskahenze.de\/wp-content\/uploads\/2026\/05\/Abstract-Laptop-User.png 1200w\" sizes=\"auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><figcaption class=\"wp-element-caption\">@Donna Mara via lummi.ai<\/figcaption><\/figure>\n<\/div>\n\n\n<p>F\u00fcr die Buchbranche hat das Buch eine besondere Relevanz. Erstens ist die Branche selbst von KI-Entwicklungen betroffen: bei der Texterstellung, bei \u00dcbersetzungen, bei der Vermarktung, bei der Empfehlungslogik von Plattformen. Die Frage, welche Systeme eingesetzt&nbsp;werden und nach welchen Kriterien, stellt sich konkret. Zweitens ist der Frauenanteil in der Buchbranche hoch \u2013 und damit auch die Betroffenheit des Gender Gaps, den Gengler beschreibt: Frauen nutzen KI weniger und sch\u00e4tzen deren Relevanz f\u00fcr ihre Arbeit geringer ein. Die Konsequenzen, die Gengler benennt, treffen hier unmittelbar zu: Wer KI-Systeme nicht nutzt, erlernt keine zukunftsrelevanten Skills und wird von denjenigen abgeh\u00e4ngt, die es tun.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Buch hat klare St\u00e4rken. Es macht ein komplexes technisches Thema zug\u00e4nglich, ohne zu vereinfachen. Die historische Einordnung der KI-Entwicklung ist pr\u00e4zise und erhellend \u2013 von der symbolischen KI der 1950er Jahre \u00fcber Expertensysteme bis zum Deep Learning. Gengler erkl\u00e4rt anschaulich und gelassen, warum fr\u00fchere Systeme transparent und nachvollziehbar waren, w\u00e4hrend heutige Large Language Models als Black Boxes funktionieren. Auch wer nicht tief in den technischen Grundlagen steckt, kann den Argumenten folgen.<\/p>\n\n\n\n<p>Gengler entwickelt einen Rahmen, um \u00fcber KI nachzudenken. Wer versteht, dass Daten keine neutralen Fakten sind, sondern geronnene Weltanschauung, wird anders mit KI-generierten Inhalten umgehen. Wer wei\u00df, dass Designentscheidungen immer auch politische Entscheidungen sind, wird andere Fragen stellen.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Vision von einer, \u201efeministischen KI als dem neuen Normal\u201c ist ambitioniert. Sie wird nicht als Traum pr\u00e4sentiert, sondern als m\u00f6gliche Zukunft, die erarbeitet werden muss. Am Ende des Buches formuliert Gengler konkrete Forderungen an Politik, Wissenschaft, Wirtschaft und Gesellschaft (und uns alle) und zeigt, dass Ver\u00e4nderung auf vielen Ebenen ansetzen muss: bei der eigenen Nutzung, im beruflichen Umfeld und in der politischen Auseinandersetzung.<\/p>\n\n\n\n<p>Eine grunds\u00e4tzliche Spannung bleibt: Feministische Prinzipien als Leitplanken f\u00fcr KI-Systeme sind plausibel. Aber wie misst man, ob ein KI-System ihnen entspricht? Gengler selbst r\u00e4umt ein: \u201eDie Erf\u00fcllung ethischer Kriterien im Entstehungsprozess und im Einsatz von KI-Systemen ist oft kaum messbar.\u201c Das macht es schwer, Verantwortlichkeiten zu benennen und Fortschritte zu \u00fcberpr\u00fcfen. Und letztlich nutzen die meisten Menschen Systeme, die sie nicht selbst gestalten k\u00f6nnen. Die individuelle feministische Nutzung eines KI-Chatbots f\u00fchrt da erst einmal zu keiner unmittelbaren Ver\u00e4nderung und mag sinnlos erscheinen.<\/p>\n\n\n\n<p>Die praktischen Beispiele im Buch sind dennoch inspirierend und er\u00f6ffnen neue Perspektiven, die in den vielen Medienberichten meist keinen Raum finden, auch wenn es sich um Nischenprojekte handelt. Die gro\u00dfen Systeme dagegen werden von Tech-Konzernen entwickelt, deren Gesch\u00e4ftsmodelle auf Skalierung und Profit ausgerichtet sind. Wie gegen diese gro\u00dfen Konzerne, die die KI-Entwicklung monopolistisch vorantreiben, feministische Prinzipien durchgesetzt werden k\u00f6nnen, bleibt eine vage Idee.<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\">\n<p class=\"has-text-align-right\">\u201eFeministische KI ist f\u00fcr mich beides: die Vision einer gerechteren Welt und ein Weg, sie Wirklichkeit werden zu lassen.\u201c<\/p>\n<\/blockquote>\n\n\n\n<p>Dennoch nimmt Gengler uns alle in die Pflicht. Es geht nicht darum, auf die perfekte feministische KI zu warten. Es geht darum, jetzt und im Rahmen unserer M\u00f6glichkeiten zu handeln \u2013 mit den Systemen, die existieren, und gegen die Strukturen, die sie hervorgebracht haben. Das Buch liefert daf\u00fcr Argumente, Beispiele und einen klaren Aufruf: \u201eLasst uns gemeinsam die Welt f\u00fcr alle gerechter machen.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Ob das gelingt, h\u00e4ngt nicht von einzelnen B\u00fcchern ab. Aber vielleicht von denen, die sie lesen? \u201eFeministische KI\u201c macht deutlich, dass Nichtstun keine neutrale Option ist. Die Systeme entwickeln sich weiter, mit oder ohne feministische Intervention. Die Frage ist, wer sie pr\u00e4gt.<\/p>\n\n\n\n<p><strong><em>Die Autorin<\/em><\/strong><\/p>\n\n\n<div class=\"wp-block-image\">\n<figure class=\"alignright size-full is-resized\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"664\" height=\"863\" data-attachment-id=\"1316\" data-permalink=\"https:\/\/www.valeskahenze.de\/?attachment_id=1316\" data-orig-file=\"https:\/\/www.valeskahenze.de\/wp-content\/uploads\/2026\/05\/eva-gengler.jpg\" data-orig-size=\"664,863\" data-comments-opened=\"0\" data-image-meta=\"{&quot;aperture&quot;:&quot;0&quot;,&quot;credit&quot;:&quot;&quot;,&quot;camera&quot;:&quot;&quot;,&quot;caption&quot;:&quot;&quot;,&quot;created_timestamp&quot;:&quot;0&quot;,&quot;copyright&quot;:&quot;\\u00a9 2022 Lukas Watzke, all rights reserved.&quot;,&quot;focal_length&quot;:&quot;0&quot;,&quot;iso&quot;:&quot;0&quot;,&quot;shutter_speed&quot;:&quot;0&quot;,&quot;title&quot;:&quot;&quot;,&quot;orientation&quot;:&quot;0&quot;}\" data-image-title=\"eva-gengler\" data-image-description=\"\" data-image-caption=\"\" data-medium-file=\"https:\/\/www.valeskahenze.de\/wp-content\/uploads\/2026\/05\/eva-gengler-231x300.jpg\" data-large-file=\"https:\/\/www.valeskahenze.de\/wp-content\/uploads\/2026\/05\/eva-gengler.jpg\" src=\"https:\/\/www.valeskahenze.de\/wp-content\/uploads\/2026\/05\/eva-gengler.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-1316\" style=\"aspect-ratio:0.7694460278799814;width:245px;height:auto\" srcset=\"https:\/\/www.valeskahenze.de\/wp-content\/uploads\/2026\/05\/eva-gengler.jpg 664w, https:\/\/www.valeskahenze.de\/wp-content\/uploads\/2026\/05\/eva-gengler-231x300.jpg 231w\" sizes=\"auto, (max-width: 664px) 100vw, 664px\" \/><figcaption class=\"wp-element-caption\">@Luke Watzke<\/figcaption><\/figure>\n<\/div>\n\n\n<p><strong>Eva Gengler&nbsp;<\/strong>ist Wirtschaftsinformatikerin und forscht intersektional-feministisch an der Schnittstelle von Macht und K\u00fcnstlicher Intelligenz. An der FAU Erlangen-N\u00fcrnberg promovierte sie im Programm Business and Human Rights zu KI aus einer feministischen sozio-technischen Perspektive. Als Speakerin und Co-Founderin der feminist AI Community sowie von enableYou engagiert sie sich f\u00fcr eine gerechte und verantwortliche Technologiegestaltung. Als Expertin f\u00fcr feministische KI wurde sie mehrfach portraitiert \u2013 u.\u2009a. vom Bayerischen Sozialministerium, dem Elitenetzwerk Bayern und Marc Cain. 2025 wurde sie f\u00fcr den Brigitte Award in der Kategorie Future Economy nominiert. Ihre Perspektiven wurden u.\u2009a. in Interviews mit ZDF, 3sat, t3n und Deutschlandfunk vorgestellt. Eva Gengler lebt in der N\u00e4he von N\u00fcrnberg.<\/p>\n\n\n\n<p><strong><em>Das Buch<\/em><\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"https:\/\/dietz-verlag.de\/isbn\/9783801207199\/Feministische-KI-Warum-Kuenstliche-Intelligenz-Ungerechtigkeit-verstaerkt-und-was-wir-dagegen-tun-muessen-Eva-Gengler\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\"><strong>Feministische KI. Warum K\u00fcnstliche Intelligenz Ungerechtigkeit verst\u00e4rkt und was wir dagegen tun m\u00fcssen<\/strong><\/a><\/p>\n\n\n\n<p>328 Seiten<br>Klappenbroschur<br><strong>22,00 Euro<br><\/strong>ISBN 978-3-8012-0719-9<br>erschienen M\u00e4rz 2026<\/p>\n\n\n\n<p>Der Beitrag ist zuerst auf dem Blog der B\u00fccherFrauen erschienen.<\/p>\n\n\n\n<p><em><strong>Postskriptum<\/strong><\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>Habe ich f\u00fcr den Beitrag KI genutzt? Ja.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>Ich habe meine Lesenotizen zum Buch von Claude Opus 4.5 strukturieren, mir Themenschwerpunkte und einen Aufbau f\u00fcr die Besprechung vorschlagen lassen. Diesen Vorschlag habe ich dann mit meiner menschlicher Intelligenz \u00fcberarbeitet und die \u00dcberarbeitung schlie\u00dflich von einem weiteren Menschen gegenlesen lassen. Die Bilder von Dona Mara stammen von der Plattform&nbsp;<a href=\"https:\/\/www.lummi.ai\/\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">lummi.ai,<\/a>&nbsp;\u201epowered by humans and AI everywhere\u201c.<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Habe nun ach so viel studiert \u2026 und sehe, dass wir nichts wissen k\u00f6nnen.&nbsp;So in etwa beklagt Goethes Faust sein fehlendes Wissen \u00fcber die Dinge, die die Welt zusammenhalten. So oder so \u00e4hnlich mag sich heute manch eine*r auch angesichts der gef\u00fchlt rasanten \u00dcbernahme \u201edieser Dinge\u201c durch K\u00fcnstliche Intelligenz f\u00fchlen. Ob Faust sich heute anstatt Mephisto der K\u00fcnstlichen Intelligenz verschreiben w\u00fcrde? Dumm nur, dass auch die KI nichts wei\u00df. 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